Willkommen im Zeitalter des Postfaktischen

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Willkommen im Zeitalter des Postfaktischen

Post by dejost » 16 Nov 2016, 08:50

Willkommen im Zeitalter des Postfaktischen.

Was meine ich überhaupt damit?
Kurz gesagt, dass tatsächliche Fakten (Anm: im Erstentwurf habe ich mich vertippt und Faken geschrieben - ich hätte es fast dabei belassen) auf den Ausgang einer Wahl nur noch einen vernachlässigbaren Einfluss haben, entscheiden tun Gefühle und wer diese - zumeist mit Lügen, egal wie offensichtlich diese sind - anspricht.

Am Offensichtlichsten zeigt dies der Wahlsieg von Donald J. Trump bei den US Presidential Elections 2016 gegeben: Trump hat nicht nur einen rassistischen Wahlkampf geführt und ist mit Misogynie und Ahnungslosigkeit aufgefallen, er hat sich dabei auch von der Wirklichkeit nicht im Ansatz irritieren lassen. Es gibt zahlreiche Fälle, wo er irgendwas leugnet, dass er noch wenige Wochen vorher gesagt hat, aber so auf die Schnelle erinnere ich mich an 2 Beispiele, die ich jetzt frei ins Deutsche übersetze:
1. Rudy Giuliani, früher Bürgermeister von NY und jetzt einer von Trumps Beratern, sagt in einem Interview, die Amerikaner fühlen sich nicht sicher. Der Interviewer fragt ihn, wieso denn das, die Kriminalitätsrate sinkt ja seit Jahren, und er geht da gar nicht drauf ein, sondern sagt "Sie fühlen sich nicht sicher".
2. Trump hat irgendwann im Wahlkampf einen Statistik gezeigt, nach der über 80% der Weißen, die in den USA ermordert werden, von Schwarzen ermordet werden (Stichwort Rassismus). In einem Interview hält man ihm vor, dass die Zahl eine reine Erfindung ist, weil in Wahrheit sind es nur 15%. Trump ist das egal, er sagt nur, soll er etwa alles überprüfen? Da hält ihm der Interviewer vor - und der war von Fox, also von einem äußerst republikaner-freundlichen Sender - dass er genau das tun muss, denn schließlich will er Präsident werden. Er sag nur, er hat's halt im Radio gehört und damit ist das Thema für ihn erledigt.

Jetzt juckt es sicher so manchen Leser & -innen in den Fingern zu posten, was ist daran neu, Politiker haben immer schon gelogen, und Trump ist halt nur besonders unverschämt und trotzdem erfolgreich.

Das stimmt natürlich, und es ist ja nicht so, dass dieses Phänomen, welches ich jetzt großspurig Zeitalter nenne, mit Glockenschlag 12 Uhr begonnen hat.
Was aber hat sich - langsam, aber stetig - geändert?

Zum Einen das Ausmaß und die Unverschämtheit der Lügen - sind es nur einzelne und basiert die halbe Kampagne darauf? Sind sie offensichtlich oder bedarf es einiger Recherche, sie aufzudecken?
Dann natürlich, wie reagiert wird, wenn man erwischt wird - macht man einen Rückzieher oder, wie jetzt, beharrt weiter drauf.

Dann die Rolle der Medien - die klassisschen Mainstreammedien, also vor allem (seriöse) Zeitungen und Fernsehsender - verlieren immer mehr an Einfluss. Es gibt Umfragen, die zeigen, wieviel ihrer Nachrichten Leute mittlerweile aus den sogenannten sozialen Medien bekommen, und dort kann nicht nur theoretisch jeder irgendwelchen Blödsinn verzapfen, es geschieht auch in großem Ausmaß (siehe Links weiter unten). Weil Alphabet, FB und Co die Nachrichten vorsortieren und dabei nicht nach "Qualität" (vulgo Wahrheitsgehalt) unterscheiden (können), bekommen Leute, die eine bestimmte Art von Themen mögen, immer mehr der selben vorgesetzt, egal ob's stimmt oder nicht und werden daher auch weiter in ihrer Meinung bestätigt, Stichwort Filterblase.
Natürlich wurden - um beim Beispiel Trump zu bleiben - zahlreiche seiner Lügen von den US-Medien aufgedeckt (woher sollte ich es auch sonst wissen), es hat nur sehr wenig Unterschied gemacht.

Das macht das Postfaktische aus: Es wird noch mehr gelogen als früher, aber es macht immer weniger Unterschied, wenn die Lüge aufgedeckt wird, es wird weiterhin darin beharrt.
Die Lüge entscheidet. Die Lüge gewinnt.

Gelogen wird nicht nur bei den Lösungen, sondern vor allem bei den Problemen.

Wir sahen das bei Trump, wir sahen das beim Brexit, wir sahen das bei der polnischen Präsidentenwahl (vermutlich auch bei der polnischen Sejm-Wahl und bei den Wahlen in Ungarn, das habe ich aber nicht genau genug verfolgt), wir sehen es derzeit bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl und in geringeren Dosen aber immer wieder vor allem bei der FPÖ. Die Liste an Beispiel wird sich noch lange fortsetzen lassen und sie wird auch fortgesetzt werden.
Der Rechtspopulismus, der offensichtlich weltweit auf dem Vormarsch ist, hat schon an vielen Schauplätzen das Postfaktische umarmt, und wird es wohl weiter tun.

Noch ein paar Links zum Thema:
http://derstandard.at/2000029593722/Die ... ben-lassen - interne Diskussion in der Redaktion des Standards, die dieser veröffentlicht hat, wo es ua eben um den Einfluss von sozialden Medien und den Vertrauensverlust der LeserInnen geht.
https://m.facebook.com/notes/armin-wolf ... 068863158/ - eine von Armin Wolf niedergeschriebene Rede zum Thema "Unterhaltungsjournalismus" und den Herausforderungen des seriösen Journalismus.
viewtopic.php?f=2&t=33&p=8492#p8492 - Ich beschäftige mich mit einem politischen Claim, den ich retrospektiv auch schon als postfaktisch einstufen muss
viewtopic.php?f=2&t=36&p=7439&hilit=min ... rung#p7439, viewtopic.php?f=2&t=106&p=7430#p7430 - 2 Zusammenfassungen von ORF.at-Artikeln, wo diese einigen über soziale Medien verbreiteten Lügen auf den Grund gegangen sind. Zeigt auch sehr schön, wie schnell irgendeine Lüge auf FB & Co verfasst und verbreitet ist, und wieviel Mühe es macht, zu belgen, dass es eine Lüge ist - vor allem aber, dass auch das nicht viel bringt.
http://derstandard.at/2000047614625/Pfl ... cher-Hofer - ein ganz rezentes Verhalten von #bpw16 Kandidat Hofer, der auch hier frech und wohl wider besseren Wissens lügt und sich in der Sicherheit wiegt, dass es egal ist, dass man ihn schon beim Lügen erwischt hat.

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Re: Willkommen im Zeitalter des Postfaktischen

Post by dejost » 24 Nov 2016, 22:10

Der Standard hat einen interessanten Artikel zum Thema Fake-News
http://derstandard.at/2000048071804/Wie ... onien-Geld
Donald Trump hat nicht nur die Mehrheit der Wahlmänner gewonnen, sondern auch den "Popular Vote", also die Mehrheit der ausgezählten Stimmen. Und wieder sind die "Mainstream-Medien", die von einem Zwei-Millionen-Stimmen-Vorsprung Hillary Clintons geschrieben haben, die Blamierten. Lügenpresse! Nur: Es ist nicht wahr. [...] Aber hunderttausende Amerikaner und wohl auch etliche Nichtamerikaner glauben trotzdem, dass Trump auch den Popular Vote gewonnen hat. Denn Googles höchstgereihter News-Link führt zu einer Fake-News-Seite ("70News") mit den falschen Zahlen.
Die Frage ist natürlich, was das über Rauschers Google-Suchverhalten aussagt, und es kann morgen schon wieder anders sein, aber das macht es ja noch schwieriger, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Besonders für die Rechten sind die Fake- und Verschwörungsseiten wichtige Alternativen: Die deutsche AfD hat mehr Facebook-Follower als CDU und SPD zusammen.
Das ist ein guter Indikator, wieso der ideologisierte Blödsinnd meistenes rechtsgerichteter Schwachsinn ist - aus welchen Gründen auch immer haben die einfach einen wesentlich besseren Social-Media-Draht zu ihren Sympathisanten, die AfD ist da ja nur ein Beispiel.
Die seriösen traditionellen Medien halten sich nach wie vor noch mit Recherche, mit Fact-Checking, mit der Einordnung von Nachrichten auf. Zumindest im US-Wahlkampf gerieten sie dabei ins Hintertreffen: Die 20 am stärksten über Facebook verbreiteten Falschmeldungen wurden mehr als 8,7 Millionen Mal weitergeleitet oder kommentiert. Seriöse Medien wie die "New York Times" und die "Washington Post" wurden nur 7,4 Millionen Mal geteilt oder kommentiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Meldung einfach falsifizierbar ist. Sehr viele Menschen sind bereit, den größten Unsinn und die übelsten Behauptungen zu glauben, sobald es nur in ihr eigenes Weltbild passt.
Nur falls sich noch wer fragt, wie nochmal Trump die Wahl gewonnen hat - nicht vergessen, er hatte Breitbart an Bord, und damit ein Portal, dass davon lebt, solchen rechtsgerichteten Unsinn zu erfinden und zu verbreiten. (Dazu gleich mehr von Rauscher).
Eine Gruppe von jungen Internet-Freaks in Mazedonien (!) bastelte im US-Wahlkampf solche Seiten mit dem Ziel, einfach Geld zu verdienen. Offenbar wird auch Leuten auf den sogenannten Clickworker-Plattformen wie Amazon Mechanical Turk angeboten, für Geld Fake-News zu schreiben: "Erste lesbische Bischöfin in Stockholm ersetzt Kreuz durch Halbmond".
Wirklich ins Zentrum der Macht gerückt ist jetzt aber die amerikanische Hate- und Fake-Seite "Breitbart News". Der Mann, der die Seite groß gemacht hat, Steve Bannon, war Donald Trumps Wahlkampfleiter und wurde jetzt von ihm als sein "Chefstratege" ins Weiße Haus geholt. Bannon sieht sich selbst als das Organ der "alt-right", der "alternativen", sprich: ultraradikalen Rechten, und glaubt an die "Macht der Finsternis". Laut "New York Times" bilden die "Breitbart News" ein "Paralleluniversum, in dem Afroamerikaner nichts anderes tun, als Verbrechen zu begehen, Immigranten echte Amerikanerinnen vergewaltigen und Feministinnen alle Männer kastrieren wollen".
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg möchte jetzt (nach anfänglichem Problemleugnen) die Fake-News in seinem riesigen Imperium bekämpfen. Womit? Mit der Neuerfindung des Rades, nämlich Journalismus. Ein Team von Fact-Checkern soll sich um die (Falsch-)Meldungen kümmern.
Rauscher hat zwar recht, dass das nix Neues ist, neu ist aber, dass hier der bloße Bote das Faktchecking übernimmt, weil es weder der Urheber noch der Adressat machen. Neu wäre auch, wenn das wirklich passiert, hört sich für mich nämlich nach bloßer Ankündigung an, dann gibt's ein kleines Alibiteam, das halt ab und zu eine Fake-Meldung aus dem Verkehr zieht, und das dann aber groß hinausposaunt.

Bezeichnend ist dann aber auch, was im Standardforum abläuft - zum einen beschweren sich die PosterInnen, dass zahlreiche (noch) seriöse Medien nur APA-Meldungen abtippseln und eben genausowenig recherchieren wie Breitbart oder Facebook, aber es gibt auch zahlreiche Postings, die schon eine Zensur heranschwappen sehen oder halt die Reste der Qualitätsmedien als politisch gesteuert sehen:
die gesteuerten medien verlieren einfluss, weil keiner mehr an sie glauben will
und mit sinkendem einfluss werden zwangsläufig auch die zuwendungen zu diesen medien sinken.

allerdings, wenn riesen-medienkonzerne vor ein paar fake-meldungen schon in die knie gehen, wenn eine breitbart-seite schon mehr vertrauen geniesst, als ein murdoch-informationsimperium, dann ist zeit über die eigene glaubwürdigkeit zu reflektieren.
Das ist jetzt gerade das am zweitbesten bewertete Posting dort.

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#Postfaktizismus und ein Versuch einer Idee der Abhilfe, außerdem Überlegungen zur Kompatibilität mit dem Rechtspopulism

Post by dejost » 07 Dec 2016, 12:33

#Postfaktizismus und ein Versuch einer Idee der Abhilfe, außerdem Überlegungen zur Kompatibilität mit dem Rechtspopulismus und eine Suche nach dem Linkspopulismus

Grundsätzlich ist ja der Postfaktizismus die übersteigerte oder wenn man so will perfektionierte Form des Populismus, oder einfach das Ergebnis von Jahren erfolgreichen Populismus. Das erklärt, wieso in vielen Gegenden der Welt Rechtspopulisten (auch Rechtsextreme können populistisch sein) dies begeistert nutzen - Brexit und Trump habe ich schon genannt, UKIP und Pegida, vermutlich auch Le Pen (habe ich nie näher beobachtet) uvm.

Was ich mich oft, und jetzt wieder wundere, ist wieso der Linkspopulismus nie einen Fuß vom Boden hochbekommen hat? Die Linke in Deutschland würde mir da jetzt nur einfallen, wobei die jetzt nicht sehr populistisch und auch nicht extrem erfolgreich ist. Vielleicht noch die griechischen und portugiesischen linken Protestparteien. Die SPÖ unter Werner Faymann würde ich eher so beschreiben, dass sie sich mit populistischen Mitteln an der Macht gehalten hat, aber wenig sozialdemokratische (oder gar linke) Politik gemacht hat. Natürlich gab es immer wieder irgendwelche populistischen Scharmützel, vielleicht jetzt sogar mehr, wo Kern BK und SPÖ-Chef ist, aber mit Rechts- bzw Linkspopulismus meine ich schon eine Partei, deren Kommunikation überwiegend populistisch ist, deren Wahlprogramm populistisch ist und deren Erfolg überwiegend auf diesen populistischen Methoden fußt. Das würde ich über die FPÖ eher schon sagen, über SPÖ, ÖVP und Grüne nicht, über die NEOS nur am Beginn ihrer Existenz betreffend Kommunikation und wohl die ersten Erfolge, das Programm war ja nicht populistisch. TS und BZÖ wohl auch, die sind aber schon so am absteigenden Ast, dass ich da nicht mehr von Erfolg sprechen würde.

Ich bin ja froh, dass sich die Populisten und vor allem die Postfaktizisten nur an einem Ende des politischen Spektrums tummeln, das macht das ganze Durcheinander zumindest etwas übersichtlicher und durchschaubarer. Trotzdem verstehe ich nicht, wieso man in Zeiten, wo man eine Wirtschaftskrise hat, in der die Reichen noch reicher geworden sind, wo Arbeit hoch und Vermögen bei uns so gut wie gar nicht besteuert wird, wo internationale Großkonzern dank reicher Kleinstaaten weniger Steuern zahlen als KMU, wo die Sekretärin von Warren Buffet einen höheren Steuersatz zahlt als Warren Buffet, wo Stephen King wütende Glossen schreibt, man soll ihn höher besteuern usw - wieso also in Zeiten wie diesen die wenigen beginnenden link(spopulistisch)en Bewegungen gleich wieder geendet sind.

Zurück zum Postfaktizismus, einige geradezu heutige Beispiele dazu:
"Der ORF ist genauso parteiunabhängig wie Van der Bellen! Darum wähle ich Van der Bellen, weil mir ein parteiunabhängiger ORF wichtig ist"
Irgendwer hat diesen Satz erfunden, dazu das Bild einer bekannten ORF-Anchorwoman gepappt und es ins Internet gestellt, eine Praxis die derzeit sehr beliebt ist, weil offensichtlich jeder dann glaubt, dass die betreffende Person das wirklich gesagt hat. Willkommen im Zeitalter des Postfaktischen.
Laut Standard (derstandard.at/2000048869131/Stimme-fuer-Van-der-Bellen-Thurnher-prueft-Klage-wegen-Fake) weiß man noch nicht, wer und worum das gemacht hat. Wenn es satirisch gemeint war, dann Lob an dieser Stelle, gut gelungen.
Das wäre auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass ein FPÖ-Politiker das mit dem Zusatz "Die Volks Verarschung geht weiter." weiterverbreitet hat und so gegenüber seinen Social Media Followern den Eindruck erweckt hat, es wäre ein echtes Zitat.

Gegenüber dem Standard hat er behauptet, es sei ihm klar gewesen, es sei Satire, sein einziger Fehler sei gewesen, auf den Hinweis Satire zu verzichten. Wenigstens hat er dann - nach Kritik und vermutlich auch nach der Wahl - das Posting wieder gelöscht. Bis dahin hatten es eh schon genug gesehen und vermutlich weiterverbreitet.

Ein Lehrbeispiel für Postfaktizismus:
Irgendwer behauptet irgendwas, selbst wenn es gar nicht den Anspruch auf Wahrheit stellt, ein Politiker verbreitet das als Wahrheit weiter und damit konfrontiert kommt halt eine halbherzige, kaum glaubwürdige Ausflucht. Wen schert's? Seine Anhänger haben es schon gesehen und fühlen sich bestätigt.
Es zeigt vor allem sehr schön, dass dagegen noch (?) kein Kraut gewachsen ist. Es ist schon verbreitet, die Wahl ist schon geschlagen, laut Standard 1000e (!) Leute haben es schon gesehen und sich - Stichwort Filterblase - in der Richtigkeit ihrer Meinung, Weltansicht und politischen Zugehörigkeit bestätigt gesehen. Der Effekt ist eingetreten und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Um jetzt hier nicht nur Schwarzzumalen, zumindest einen Lösungsvorschlag habe ich mir aus den schreibfaulen Fingern gesogen:
Man kann den betreffenden Politiker klagen und zu einer Gegendar- bzw Klarstellung verpflichten, die er dann 2 Wochen (oder so) auf seinen Social Media Accounts haben muss. (Haftungssausschluss: Ich bin nicht firm genug im Medienrecht, um sicher zu sagen, dass das auch genauso durchsetzbar ist, freue mich über Input). Da der - und hunderte andere - vermutlich täglich solche Meldungen verbreite(r)n, ist das nur ein Tropfen in den Ozean, aber wie soll Mutter Theresa gesagt haben: Ohne all der Tropfen gebe es keinen Ozean. Es müssten also nicht nur die eine Moderatorin, sondern konsequent alle, die von solchem Lügen betroffen sind, auch wenn es relativ harmlose Sachen sind, klagen. Und nicht nur Politiker, sondern überhaupt alle, die nicht anonym posten bzw mit vernünftigen Aufwand ausforschbar sind.
Dann, so stellt sich das zumindest der kleine dejost in seiner kortz.at-Filterblase vor, werden die früher oder später aufhören jede offensichtliche Lüge als (Post-)Fakt zu verbreiten, weil sie nicht dauernd geklagt werden wollen.

Noch ein Beispiel, #Pizzagate:
Im US-Wahlkampf würde über einen Clinton-Unterstützer, der eine Pizzeria betrieb, die Mär verbreitet, in dieser wäre so eine Art Pädophilenring, in den rechten postfakischten Zirkeln hat sich das gut verbreitet und wurde eben als #Pizzagate bezeichnet. Das hat nunmehr darin gemündet, dass jemand mit der Waffe diese Pizzeria gestürmt hat, um den Fall aufzuklären. Soweit ich das im Querlesen mitbekommen habe, gab es keine Toten oder Verletzten und es wurde sogar der Urheber der Geschichte aus dem Team von Trump (!) gefeuert. Wie sehr das der Pizzeria schadet, will ich gar nicht wissen, zumindest ich würde jetzt eher nicht wo hin essen gehen, wo nachher die Gefahr besteht, dass einen irgendwelche Psychos verprügeln oder im Internet als Verbrecher outen.

Und es ist auch nicht schwer, noch ein drittes Beispiel zu finden:
Hofer hat ja in einigen Bundesländern gewonnen (siehe zB hier) und irgendwer nahm einen Screenshot von so einem Teilergebnis, wo Hofer klar geführt hat und bastelt daraus einen Videoclip, wo er halt Wahlbetrug wittert, weil das Wahlergebnis sich angeblich geändert hat.
Es gibt auf Youtube auch Videos, wo die Leute behaupten, die Welt sei flach - ich habe mir mal eines angesehen, und ich glaube, die meinen das wirklich ernst. Ernstnehmen tut die aber keiner.
Aber jetzt im Zeitalter des Postfaktischen (nochmals herzlich willkommen an dieser Stelle) findet so etwas rasch Verbreitung, Youtube hat mir diesen Clip sogar auf der Startseite vorgeschlagen. Zur Erklärung: Ich habe keinen Youtubeaccount, das heißt die Vorschläge waren die aktuell beliebtesten Videos aus Österreich (oder Wien - welchen Teil der IP sie da auch als Grundlage nehmen).

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der Kampf gegen Windmühlen vulgo #Fakenews

Post by dejost » 04 Jan 2017, 13:20

Im vorigen Beitrag habe ich vergeblich den erfolgreichen Linkspopulismus gesucht. Jetzt zeigt sich aber auch wieder, wieso der Rechtspopulismus (und in seinem Fahrwasser die Rechtsextremen) so erfolgreich ist, weil er nämlich auf neue Entwicklungen schneller einsteigt und besser über neue sogenannte soziale Medien kommuniziert. Wieso das wieder so ist, weiß ich auch nicht, auch wenn es mich sehr interessiert.

Mittlerweile versuchen sogar die Rechtspopulisten den Begriff #Fakenews zu vereinnahmen, vergleiche dazu hier gegen Ende, während andernorts noch Enqueten überlegt werden, wo man dann diskutieren wird, welche Kommission einen Vorschlag ausarbeitet. (Achtung, ironische Übertreibung).

Dazu gibt es aber noch mehr zu sagen, und der Standard tut das:
http://derstandard.at/2000050124664/Fak ... chtsaussen
Doch mittlerweile haben auch jene, deren Texte oftmals mit der Bezeichnung "Fake News" mit gemeint waren, den Begriff übernommen. So führte etwa die FPÖ-nahe Seite "unzensuriert.at" eine "Fake-News-Wochenschau" ein, bei der es um Beiträge klassischer Medien wie STANDARD oder "Kurier" gehen soll. Das politisch rechtsaußen positionierte Portal schreibt: "Seit einigen Wochen versucht das polit-mediale Establishment unter dem Begriff 'Fake News', nicht dem Mainstream entsprechenden Journalismus zu diskreditieren, um ihn in weiterer Folge von den als Nachrichtenverbreiter immer wichtiger werdenden sozialen Medien zu verbannen oder die alternativen Medien gar zu kriminalisieren."
"Der Begriff ist für eine fachliche Debatte nicht sinnvoll", sagt der Medienforscher Fritz Hausjell. Es werde in den Terminus "viel hineingepresst, was für eine differenzierte Auseinandersetzung nicht förderlich ist". Tatsächlich tauchten in Artikeln oder Kommentaren über Fake News in den vergangenen Monaten unterschiedlichste Arten von Desinformationsinhalten auf. Da gab es etwa die Erzeugnisse jener jugendlichen "Fake News"-Erfinder aus Mazedonien, die aus rein ökonomischen Gründen Geschichten erfinden. Sie erhoffen sich eine hohe Klickrate auf ihre Artikel und dementsprechende Werbeeinnahmen. Da Artikel über Donald Trump hohe Zugriffe brachten, schwenkten sie während der Wahlen auf erfundene Texte zu Trump und dessen Rivalin Hillary Clinton um. Derartige Webseiten, die erfundene Nachrichten zur Zugriffsmaximierung bringen, gibt es aber schon seit Anbeginn des Webs. Außerdem gibt es auch noch die klassische Fehlmeldung, die von Journalisten produziert wird. Laut Hausjell gibt es hier mehrere Varianten: Einerseits können Falschmeldungen absichtlich von außen lanciert werden, um die Meinung der Leser zu beeinflussen. Der Journalist wird quasi instrumentalisiert und mit falschen Informationen gefüttert, die er entweder nicht widerlegen kann – sei es, weil ihm dafür die Zeit fehlt, sei es, weil er gar keine Möglichkeit dazu hat, etwa weil es sich um "geheime Informationen aus Regierungskreisen" handelt. Bei der Falschmeldung "von innen" sind Journalisten laut Hausjell "ihrer Recherchethese aufgesessen und Opfer ihrer Vorurteile" geworden. Viele Menschen unterscheiden allerdings nicht mehr zwischen Meinung und sachlichem Artikel und denken deshalb, Journalisten würden in ihren Kommentaren Fakten präsentieren, während sie tatsächlich Fakten interpretieren oder über zukünftige Entwicklungen spekulieren.
Dieser letzte Textblock schreit ja geradezu "fehlende Medienkompetenz", und zwar nicht nur bei den KomsumentInnen und "retweet"-KlickerInnen, sondern auch bei den professionellen MedienerzeugerInnen (vuglo JournalistInnen).
Schließlich ist in den vergangenen Wochen jene Lesart aufgekommen, die "Fake News" als logische Fortsetzung der "Lügenpresse" liest, die also an eine "Propaganda" des "Systems" glaubt. Die Nachrichten seien "fake", wenn sie sich etwa auf offizielle Angaben von Regierungsparteien oder "gefärbten" Think-Tanks verließen. Demgegenüber stehen anfangs erwähnte "etablierte" Institutionen, die Fake News als politisches Mittel von "Systemgegnern" wie Trump sehen und darauf verweisen, dass beispielsweise staatliche russische Auslandsmedien wie Sputnik oder RT (früher Russia Today) mit Falschmeldungen hantieren. Wie schon im Bereich der gesamten "Lügenpresse"-Thematik zeigt sich hier der schmale Grat zwischen einer gesunden Medienkritik und einer gefährlichen Verleumdung aller etablierten Medienportale.
"Gerüchte, die durchs Netz getrieben werden, sind mittlerweile ein neues Feld für den Journalismus", sagt Hausjell. Das Mantra, dass Zeitungen über Gerüchte nicht berichten sollten, da diese dann erst recht bekannt seien, ist laut Hausjell mittlerweile überholt. "Diese Meldungen kommen ohnehin an die Endnutzer", sagt Hausjell. Journalisten sollten vermeintliche Fake News prüfen und ihre Recherche transparent offenlegen.
Eine der langfristigen Entwicklungslinien, die uns für kortz.at vorschwebt ist nämlich etwas in die Richtung, nämlich eine Art sehr niederschwelliges Journalismus-Crowdfunding für (nicht nur, aber insbesondere) solche Recherchen. (Das Problem ist, dass kortz.at immer noch größtenteils von Spenden lebt und deswegen nicht invesitieren kann, außerdem ist unsere Reichweite trotz beachtlicher Steigerung in den letzen 2,3 Jahren noch viel zu gering).

Wie so oft hatte natürlich schon wer anderer eine ähnliche Idee, nur haben die sich halt umgesetzt:
http://www.hoaxmap.org
Laut den Betreibern der Hoaxmap gehört die FPÖ im deutschsprachigen Raum zu den Top-Ten-Verbreitern von Gerüchten. Auch die AfD soll unbestätigte und teilweise widerlegte Gerüchte stark verbreitet haben, ebenso die CDU.
derstandard.at/2000049969763/Fake-News-FPOe-laut-Hoaxmap-unter-Top-Verbreitern-von-Geruechten

Und hier kommen die wiederkehrenden Themen unseres Topic gut zusammen - Fakenews, Rechtspopulismus (FPÖ) und social media.

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Den Rechtspopulismus in vollem Lauf halten Wahrheit und Fakten nicht auf

Post by dejost » 28 Jul 2018, 07:46

Ein lehrreiches Beispiel zum Zeitalter des Postfaktischen ist diese ORF.at-Geschichte über Gwyneth Paltrows Eso-Schwachsinns-Unternehmen.

Für Details bitte den dortigen Artikel lesen, soweit hier relevant fasse ich zusammen:
Die bekannte Schauspielerin hat aus welchen Gründen auch immer eine Firma, da halt Eso-Unsinn vertreibt, also Zeug, das irgendwie gesund oder gut sein soll, aber faktisch genau nichts bewirkt (außer dem Placebo-Effekt natürlich), machmal sogar schädlich sein kann.
Immer wenn das in den Medien breitgetreten wurde, was sie für einen Unfug macht, haben danach die Kassen geklingelt. Wie sie selbst sagt "There is no bad publicity".

Die Deutungshoheit für die klassischen Medien ist einfach verloren gegangen, und ist scheinbar zu den sogenannten sozialen Medien gewandert, wo aber eben jeder ungeachtet vom Wahrheitsgehalt irgendwas verbreiten kann und für die KonsumentInnen Quellenkritik ein Fremdwort ist.

Das ist ja ähnlich bei Trump gewesen - die Medien haben seriös bzw wahrheitsgemäß gegen ihn angeschrieben, aber es hat keinen interessiert, und wenn man ehrlich ist, ist er als Präsident bis jetzt wenn dann schlimmer als befürchtet.

Wir werden uns also an noch mehr Rechtspopulismus (falls es je funktionierenden Populismus aus anderen Richtungen gibt, den natürlich auch) und noch mehr Esoterik gewöhnen müssen.

Oder, kurz gesagt:
Den Rechtspopulismus in vollem Lauf halten Wahrheit und Fakten nicht auf

Was ihn aufhält? Keine Ahnung. Schlimmstenfalls erst die Geschichte.
edit: Und ich fürchte, dass wir dann wohl den Teufel mit dem Beelzebub austreiben werden. Oder, Anglizismen sind ja immer cool: "The cure will be worse than the disease".

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